Christlicher Halbmond

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Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.
Niklaus Peter,
Es ist ein schlichtes, aber gerade in seiner Einfachheit und Klarheit überzeugendes
Gleichnis, das Matthias Claudius in die dritte Strophe seines Liedes
«Der Mond ist aufgegangen» setzt:
Neben dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren gibt es «Sachen», die wir nur halb sehen - und dann als halbe «getrost» belachen.
Ein Gleichnis für eine allzu selbstsichere, ihrerseits halbierte Vernunft, die lächerlich macht, was sie nicht ganz zu fassen vermag.

Matthias Claudius war ein Zeitgenosse Goethes, nach abgebrochenem Theologiestudium konnte er sich als Redaktor des «Wandsbecker Bothen» finanziell nur knapp über Wasser halten. Er war ein frommer Mann und gewiss eine etwas skurrile Gestalt, für den Weimarer Dichterfürsten ein «Narr...voller Einfaltsprätensionen», für Wilhelm von Humboldt gar «eine völlige Null».
Aber dieses Gedicht aus dem Jahr 1778, das schon 1790 von J. A. P. Schulz vertont und sehr schnell in verschiedene geistliche und weltliche Gesangbücher aufgenommen wurde, steht an der Spitze der beliebtesten Lieder deutscher Sprache, noch vor Goethes «Gipfeln». Mehr als 70 Vertonungen gibt es (u. a. von Schubert, Reger, Orff, auch eine von Grönemeyer) und - indirekte Anerkennung! - auch einige Parodien:
«Der Mond ist aufgegangen.
Ich, zwischen Hoff- und Hangen,
rühr an den Himmel nicht.
Was Jagen oder Yoga? Ich zieh die Tintentoga
des Abends vor mein Angesicht» (Peter Rühmkorf).

Das Ergreifende an Claudius' «Abendlied» ist die Präzision der Naturbilder:
«Der Wald steht schwarz und schweiget», der über Wiesen aufsteigende weisse Nebel, die Stille der nächtlichen Welt, vor allem aber, dass es die grosse Tradition der Abendgebete vom frühchristlichen «Bevor des Tages Licht vergeht» bis zu Paul Gerhardts «Nun ruhen alle Wälder» weiterführt: die allabendliche Einkehr, der Rückblick auf den Tag, auf Gutes und Nichtiges, die Bitte um Einfalt und rechte Frömmigkeit, um einen sanften Tod, um Verschonung und Nachtruhe. Und schliesslich die Bitte für «den kranken Nachbarn».
Die ungebrochene Beliebtheit dieses Abendliedes hängt mit den Bildern, der Innigkeit, sicher auch mit der Tradition der Sinnsprüche zusammen, die sich in diesem «Halbmond-Gleichnis» ausdrückt.

Und da wir nun gedanklich fast auf dem Mond gelandet sind, schnell noch dies: Ob Juri Gagarin selber auf den flapsigen Satz kam, ob es die Sowjetpropaganda war, welche ihm in den Mund legte, er habe auf seinem Weltraumflug am 12. April 1961 keinen Gott gesehen, oder ob es eine korrekte Antwort auf die blöde Frage eines Journalisten war - das ist eigentlich wurscht.
Denn Religion hats mit allem Sichtbaren und Unsichtbaren (visibilium omnium et invisibilium) zu tun, wie es im Glaubensbekenntnis von Nicäa heisst.
Aber eben auch mit dem Bewusstsein, dass es Dinge gibt, die wir nur halb zu sehen vermögen.

NIKLAUS PETER
Pfarrer am Fraumünster in Zürich

Wiedergabe einer Kolumne im Magazin Nr. 34 des Tages Anzeigers vom 24. August 2019 mit freundlicher Genehmigung von Autor und Redaktion "Das Magazin"