Wie Vorstellungen uns beeinflussen

Bild wird geladen... (Foto: Karin Baumgartner)
In vielen Gärten blühen Sonnenblumen in der ganzen Vielfalt von Sorten. Dieses Jahr stehen in manchen Siblinger Gärten auch jene, die zu Ostern im Kirchgarten abgeholt werden konnten als ein Zeichen tief wurzelnder und sich entfaltender Hoffnung.
Karin Baumgartner,
Die Sonnenblumen auf dem Bild haben eine andere Geschichte. Gegen Ende Juli säten meine Jüngste und ihr Schatz die Samen zufällig zwischen Kraut und Unkraut. Das war eine ihrer Ideen, um sich die lange Zeit in der Familien-Corona-Quarantäne zu vertreiben. Ich liess die beiden gewähren, dachte aber, wenn ich ehrlich bin, dass da nichts draus werden würde. Auf dem Samenbriefchen war angegeben, dass die Kerne viel früher hätten gesetzt werden müssen. Und ohnehin handelt es sich um eine Sorte, die über 3 Meter hoch wachsen sollte.
Die Tochter goss fleissig. Das Unkraut, dass unter den trockenen und heissen Tagen litt, freute es auch. Ab und zu warf ich einen Blick ins wuchernde Grün. Tatsächlich begann es zu spriessen. Überall. Bald waren die Pflänzchen nicht mehr zu übersehen. Noch immer war ich skeptisch. Mehr als Kraut erwartete ich nicht. Eines Morgens sah es aber plötzlich aus, als entwickelte sich da Knospen. Ganz sicher waren wir uns nicht. Von nun an beobachteten meine Tochter und ich gemeinsam. Eines Morgens strahlte uns tatsächlich eine Blüte an. Die Blumen sind nicht hoch geworden, die Stiele sind nicht so kräftig, die Blütenköpfe nicht so gross wie angegeben. Dennoch strahlt das Gelb wunderschön. Weitere Pflanzen erblühten, auch die niedrigsten zeigten keckes Gelb.

Eine unscheinbare Geschichte wäre das. Sie hat mich aber nachdenklich gemacht. Denn wie oft lassen wir uns von Vorstellungen beeinflussen und blockieren in der Folge, dass sich etwas Anderes entwickeln kann? Wie oft fehlt uns das Vertrauen, dass sich etwas positiv entwickeln und dass eine Sache ein gutes Ende nehmen kann, nur weil sich Umwege ergeben, nur weil es nicht so geht wie geplant? Auch in der Erziehung spielen solche Mechanismen oft keine unerhebliche Rolle. Leben entfaltet sich nicht auf den Wegen, die wir vorgeben. Es bleibt ein unverfügbares Geheimnis, wie es sich entwickelt. Es sucht unser Vertrauen und „Gwunder“, im wahrsten Sinn des Wortes. Daran mahnen mich die „Sonnenblümchen“, die noch immer unermüdlich blühen. Und darüber hinaus berührt es mich und erfüllt mich mit Zuversicht, dass auch schwache und kurze Stiele strahlende Blütenkelche tragen. Auch das ist ein Gleichnis für unser Leben.

«Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht nicht in unsrer Hand».
Matthias Claudius