Trockenmauern

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Unterwegs in Tessiner Dörfern und auf Wanderungen bin ich oft sinnend vor Trockenmauern stehen geblieben, immer neu fasziniert von dieser alten Kunst. 2018 wurde sie auch von der UNESCO auf die Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Das entspricht dem erneuerten Bewusstsein für den besonderen und bedeutsamen Wert, den Trockenmauern mit ihren Nischen und unterschiedlichen Mikroklimata im Laufe der Jahreszeiten für Fauna und Flora bieten.
Kirchenstand und Pfarramt,
Welche Fertigkeit braucht es doch, welche Geduld und auch welche Achtsamkeit für das zur Verfügung stehende Material, bis Stein für Stein der Ort gefunden ist, wo er sich einfügt, gestützt wird und selber stütz! Das braucht Zeit und Respekt für das, was die Natur anbietet. Ich komme mit dem Staunen nicht zu Ende. Oft denke ich, wenn ich vor einer Trockenmauer stehe, auch daran, wie wir unsere Lebenshäuser bauen. Da gilt es auch, die Steine zu verwenden, die das Leben zur Verfügung stellt, und geduldig zu versuchen, für diese Steine einen guten und sinnvollen Platz zu finden. Schöne und schwere Erlebnisse gilt es einzufügen, heitere und traurige, Momente von unglaublicher Intensität und viel eher unspektakulären Alltag. Immer hoffen wir auch, dass in unseren Lebenshäusern nicht nur unser eigenes Leben sich entfalte, sondern auch anderes Leben Raum und Schutz, Anregung und Liebe finde. Manchmal aber kommt uns das Ganze ziemlich wacklig vor und es gibt „Brocken“, die kaum zu platzieren sind. Doch stetig kommen neue Steine dazu, und viele kennen die Augenblicke, wo man an der Stabilität des eigenen Lebenshauses zweifelt und sich die Frage nach dem Halt stellt.

Das Fundament des Vertrauens auf Gott bewahrt uns nicht vor diesen Fragen und vor Erfahrungen der Erschütterung, doch es erinnert uns daran, dass unser Lebenshaus nicht auf beliebigen Grund gebaut ist, sondern dass Gott es stützt und zusammenhält. Diesem Fundament möchte ich Sorge tragen. An dieser Hoffnung, dass dieses Fundament auch für unseren Planeten gilt, möchte ich festhalten angesichts des Erschreckens und der Verunsicherung, die durch die Unwetter- und Umweltkatastrophen und die daraus folgende Not entstehen. Da ist Einer, der die Welt und was darin ist, erhält. Aber Sorge tragen müssen wir ihr schon selbst, den Weg der unbeschreiblichen Achtlosigkeit verlassen und gemeinsam, Stein für Stein sorgfältig und beharrlich zusammentragen - eine Schutzmauer für den uns anvertrauten Planeten!

Mit herzlichen Segenswünschen
Kirchenstand und Pfarramt